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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Zumindest
weiß Hartwig L. ziemlich genau, was er nicht will, als es mit ihm zu
Ende geht. Er ekelt sich vor dem Gedanken an Würmer in einem Grab.
Fürs Feuer findet er seinen kranken Körper auch zu schade, selbst
wenn der ihm zuletzt kaum noch gehorcht.
Auf
keinen Fall aber will er noch mal ins Krankenhaus oder die Sache gar
an Maschinen künstlich in die Länge ziehen.
Also
stirbt er zu Hause in den Armen seiner Frau. Es ist der 18. Dezember
2006.
Um
19 Uhr stellt die Hausärztin den Tod durch "Herz-Kreislauf-Versagen"
fest. Sein Sohn Wolfram ruft sofort die Hotline bei Gunther von
Hagens an: Es ist so weit, der Plastinator soll ihn holen. So ist es
ausgemacht.
So
hatte es die Familie aus Arnstadt vor einem Jahr schon mit der Oma
gemacht.
Und
wenn es nach der Unterschrift seiner "Verfügung zur
Körperspende" geht, hat es auch Hartwig L. so gewollt.
"Der
Oma war's egal", sagt sein Sohn, "aber Vater war seit
seinem Schlaganfall richtig fasziniert davon, Teil der ,Körperwelten'
zu werden." Vor allem der Schachspieler, eine der
spektakulärsten Figuren im Wanderzirkus der Toten, hatte es ihm
angetan. "Wie der sich lächelnd über das Brett beugt und aller
Welt sein offenes Gehirn präsentiert." Immer wieder musste ihm
Wolfram die Fotos zeigen, aus China, wo von Hagens damals noch
präparieren ließ, von Ausstellungen in Amerika und Japan. Als
Speisewagenkellner in der DDR sei sein Vater immer nur zwischen
Erfurt und Dresden gependelt. "Sicher war das auch ein Trost für
ihn", sagt sein Sohn, "die große weite Welt, dazu ein
unverwüstlicher Körper, ohne Schmerzen oder halb gelähmt. Etwas
für die Ewigkeit ..." Wolfram L., 35, spielt genauso gern
Schach, wie sein Vater es tat. "Natürlich" ist auch er
Körperspender und spricht darüber, als könne er es kaum erwarten.
Vielleicht will er nur seine Mutter trösten, die immer dagegen war -
mehr will sie nicht dazu sagen. Vielleicht liegt es aber auch daran,
dass Wolfram gerade arbeitslos ist und "eine normale Beerdigung
kaum unter 1500 Euro kostet", wie er sich beklagt.
Kein
Grab, kein Ort, kein Ritual - nur eine Nacht bleibt der Familie am
Totenbett.
Sie
machen Fotos und weinen. Außer Hartwig L. schläft niemand. Und wie
vor jeder großen Reise wird es dann doch noch mal hektisch. Kurz vor
Weihnachten sind die Ämter schwach besetzt. Wolfram hetzt durch die
Thüringer Kleinstadt, weil noch wichtige Reisedokumente fehlen, die
Krankenakten und die Sterbeurkunde vor allem, das Visum für
Körperspender. Schon mittags ist das Bodymobil aus Heidelberg da.
So
nennt von Hagens seine Leichenwagen, weil er nicht gern von Leichen
spricht. Der Reißverschluss zurrt. In einem schwarzen Nylonsack,
fast aufrecht, verlässt Hartwig L. sein Haus, weil die Bahre kaum
durch die enge Treppe passt. Die Familie bleibt drin, niemand winkt.
Die beiden Abholer kennen das schon.
"Die
Leute haben das Bodymobil nicht gern lange vor der Tür", sagt
Sabine, die sich wie alle in der Firma auf Gunthers Wunsch nur mit
Vornamen ansprechen lässt. Dabei ist der Kleintransporter für den
Geschmack ihres Chefs noch dezent beklebt: "Körperspende für
den medizinischen Fortschritt" steht darauf, daneben lebensgroß
einer seiner toten Muskelmänner.
"Trotzdem
sorgen sich viele Angehörige vor dem Gerede, sie könnten sich wohl
keine echte Beerdigung leisten." Sabine, 46, und Olaf, 47, waren
in derselben Woche schon an der Nordseeküste und am Tegernsee. "Seit
wir den kostenlosen Abholservice anbieten", sagen sie, "hat
sich die Zahl der Spender verdoppelt." Knapp 6000 stehen derzeit
in der Datei.
Mindestens
zweimal pro Woche klingelt die Hotline. Der Nachschub scheint vorerst
gesichert: "Bei Unfallopfern fahren wir gar nicht erst los",
sagt Olaf.
Die
beiden Bodymobil-Fahrer sind auch privat ein Paar, wie Gunther und
angeblich die meisten seiner Mitarbeiter selbst Körperspender und
sprechen, während sie mit Hartwig L. hinten drin an einem Drive-in
nahe Bad Hersfeld rasten, von einem echten "Traumjob". Bis
zu 10 000 Kilometer im Monat legen sie zurück. Wenn sie mal keine
Tour haben, arbeitet Sabine im Büro der Spenderdatei. Olaf kümmert
sich in Heidelberg um die Neuzugänge.
In
einer ehemaligen Autowerkstatt, zwischen Fitnessstudios und alten
Army-Kasernen, wird aus Hartwig L. die Nummer 1 437 331. Sie knoten
ihm die Nummer an den großen Zeh. Er wird gewogen und vermessen und
gilt 48 Stunden nach seinem Tod als vergleichsweise frisch. Olaf und
ein bulgarischer Arzt schließen dicke Schläuche an Leiste und
Halsschlagader an. Aus einem Behälter fließt Formalin durch die
blutleeren Arterien bis in jede Zelle. Wenn die Poren diese Lösung
wieder ausschwitzen, ist die Verwesung vorerst gestoppt.
Gehirn
und Augäpfel bekommen extra Injektionen.
Dann
warten alle auf Gunther, der jede Leiche persönlich begutachtet,
bevor er entscheidet, was daraus wird.
Wie
die meisten Körperspender hat Hartwig L. "zur freien Verfügung"
angekreuzt.
Auch
Wünsche kann man auf dem seitenlangen Fragebogen zur Körperspende
äußern oder es beispielsweise ablehnen, "beim Liebesakt"
oder als Teil des demnächst geplanten Geisterschiffs dargestellt zu
werden. Die Tabus respektiert von Hagens angeblich; Wünsche
garantiert er nicht. "Im Grunde will jeder Zweite Schachspieler
werden", sagt ein Mitarbeiter, "das geht natürlich nicht."
Weil der Chef nicht gleich Zeit hat, legen sie Hartwig L. in eine
Edelstahlkiste.
Der
ganze Hof steht voll mit diesen Containern.
In
den meisten schwimmen schon Körper, einzeln oder zu viert in
Formalin eingelegt, und warten auf den Transport zur
Weiterverarbeitung in China oder im brandenburgischen Guben. In einer
Grube liegt ein Pferd. Gegenüber, in seinem Forschungslabor, beugt
sich von Hagens gerade über einen Eimer.
Ein
Spender aus Amerika hat schon mal ein halbes Bein vorausgeschickt. Er
hat Knochenkrebs und möchte vorerst nur den Unterschenkel
plastinieren lassen, um ihn zu Hause ins Regal zu stellen. "Leider
ist das Schienbein total kaputt", sagt Gunther von Hagens,
während er Knochenteile, Muskeln und Fett sortiert. "Nur der
Fuß geht vielleicht noch." Dann zieht er die Einweghandschuhe
aus und geht mit seinen Leuten Mittagessen.
Wie
immer bestellt er ein Glas Milch dazu und setzt auch bei Tisch seinen
Hut nicht ab. Selbst engste Mitarbeiter haben ihn noch nie ohne
gesehen. Aber die kennen Gunther auch nur "bescheiden" und
"nachdenklich". Schließlich tut er auch selbst am liebsten
so, als verstünde er die ganze Aufregung um seine Arbeit gar nicht:
Wieso
man ihm nach 25 Millionen faszinierten Besuchern seiner
"Körperwelten" immer noch Leichenfledderei vorwirft?
Wieso
kein Bericht über ihn ohne das Adjektiv "umstritten"
auskommt und seine Kritiker immer nur die "Leichen im Keller"
(stern Nr. 46/2003) suchen? Die Vorwürfe sind vielfältig: Geschäfte
mit Toten. Pornografie.
Leichen
und Professorentitel zweifelhafter Herkunft. Welche ihn davon mehr
kränken, ist schwer zu sagen. Einerseits lässt er sie nach
Möglichkeit verbieten.
Andererseits
hängt er sich deren Titelbilder über "Dr. Tod" als
riesige Poster in sein Büro. Wenn er es nicht sogar genießt, stört
ihn das Frankenstein-Image zumindest kaum. Keine Gelegenheit lässt
er aus für neue Schlagzeilen, ob es prominente Tiere wie die in
einem Wassergraben ertrunkene Hamburger Affendame Laila sind, die er
gern hätte, oder sein geplanter Onlinehandel mit Leichenteilen für
jedermann. Stets scheint er hin- und hergerissen zwischen PR-Gag und
wissenschaftlicher Besessenheit, seinem eigenen Anspruch, "der
Robin Hood der Anatomie" zu sein, und der übermächtigen
Berufung zum großen Künstler mit Hut und bizarren Begriffen von
Ästhetik, die für viele Menschen jenseits jeder Geschmacksgrenze
liegen.
"Tatsächlich
bin ich ständig im Zweifel, wie viel ich meiner Umgebung zumuten
kann", sagt von Hagens. Deshalb gibt er unentwegt Umfragen über
seine Arbeit in Auftrag und veröffentlicht sie sogar, sofern sie ihm
gefallen. Deshalb hört er sich die Bedenken seiner Mitarbeiter an,
bevor er sie zerstreut. Nur seine Ehefrau und Geschäftsführerin
kann ihn manchmal bremsen.
"Angelina
zeigt mir die Grenzen der Leute, die ich oft gar nicht mehr sehe."
Angeblich gab es intern auch heftige Diskussionen über Body Nummer 1
437 331. Vor Hartwig L. war die Anonymität der Spender einer der
wichtigsten Grundsätze für Gunther von Hagens. "Forschen und
trauern verträgt sich nicht", sagt er. Auch für seine
Ausstellungen sei die emotionslose Begegnung mit dem Tod
entscheidend.
"Nur
dann kann man sich selbst darin sehen." Natürlich konnte man so
auch immer lästige Fragen nach der Herkunft der Toten bequem
abbügeln.
Dass
sich von Hagens nun doch erstmals dazu durchgerungen hat, hängt
nicht nur mit den Genehmigungen der Angehörigen zusammen, die dem
stern vorliegen, sondern sicher auch mit der Hoffnung auf ein paar
Körperspender mehr. Als er sich erstmals über die neue Leiche
beugt, ist sein Unbehagen trotzdem zu spüren.
Mit
63 Jahren ist der Plastinator genauso alt wie Hartwig L., als er
starb. Beide sind in Thüringen aufgewachsen. Nach einem
Republikfluchtversuch durfte Hartwig L. nicht mal mehr nach
Tschechien.
Von
Hagens, der damals noch Gunther Liebchen hieß, saß für das gleiche
Vergehen sogar zwei Jahre im Knast. Auf einmal liegt da ein Mensch
vor ihm auf dem Tisch, ein Toter mit Geschichte und Namen, nicht
irgendein nummerierter Body.
Von
Hagens zögert: Soll er ein Ganzkörperpräparat daraus machen? Das
die Familie dann in einer Ausstellung sieht - "schau mal da, der
Opa!" Oder besser ein paar Dutzend Scheiben für die
medizinische Ausbildung? Mehr Skandal oder weniger? Image oder PR?
Erst mal fliegt er für Vorträge in die USA. Ohne Hartwig L.
Das
Bodymobil wird unterdessen in das Klinikum Ansbach gerufen, wo sich
Frank W. von seiner Mutter verabschiedet. "Um wenigstens
irgendein Ritual zu haben", hat seine Frau Nadja mit den Kindern
schon am Tag vorher eine Haarsträhne der Oma in eine
Streichholzschachtel gelegt und im Grab der Uroma beerdigt. Nun sind
alle gerührt, wie liebevoll Sabine und Olaf die Mutter
zurechtgemacht haben. Frank W., 40, lächelt tapfer und bewundert vor
allem "den Mut" seiner Mutter.
Ingrid
W. hat schon zu Lebzeiten allen Bekannten von der Körperspende
erzählt und sogar verlangt, dass es in der Todesanzeige steht. "Das
war typisch für sie", sagt ihr Sohn. "Eine normale
Beerdigung hätte gar nicht zu ihr gepasst." Vor zwei Monaten
fuhr sie noch Auto.
Dann
musste ein Zeh abgenommen werden, schließlich der ganze
Unterschenkel.
Ein
Raucherbein. Nach der OP hat man sie im Krankenzimmer schon wieder
mit Zigarette erwischt. Doch Ingrid W. lachte die besorgten
Schwestern nur aus: Wenn es danach ginge, hätte sie gar nicht erst
62 werden dürfen. Von Geburt an litt sie an einem viel zu großen
Herz. Es drückte alle Organe zusammen und hatte am Ende keine Kraft
mehr, den Kreislauf zu versorgen.
Als
von Hagens ihre Krankenakte liest, will er sie am liebsten sofort in
Scheiben schneiden.
So
eine Ebsteinsche Anomalie bekommt man nicht alle Tage - ein Herz,
groß wie ein Handball. Bestimmt macht sich das gut im Längsschnitt.
Dann aber zieht er doch die Auferstehung von Hartwig L. vor.
Blass
und bäuchlings liegt dessen Körper in der Woche vor Ostern 2007 auf
einem Metalltisch in Guben. Erst wenige Monate zuvor hat von Hagens
hier sein "Plastinarium" eröffnet. Die alte Hutfabrik an
der Oder soll neben den Instituten in Heidelberg, China und
Kirgisistan künftig sein größter Standort werden, samt
Schauwerkstatt und Dauerausstellung. Anders als in Polen, wo er
eigentlich hinwollte, ist er hier sogar willkommen, wie seine eigenen
Umfragen nahelegen. Anfangs gab es auch Proteste gegen die
Leichenfabrik, doch am Ende wiegen in Brandenburg 150 Jobs mehr als
religiöse Skrupel.
Aus
1400 Bewerbern hat er zunächst 26 ausgesucht, die er zu
Hilfsanatomen ausbilden will. Bei den Vorstellungsgesprächen mussten
alle Kandidaten ein Schulterblatt aus Knete formen. Wer außerdem gut
Pellkartoffeln schälen kann, ist nach von Hagens' Erfahrung auch für
die Arbeit mit menschlichem Gewebe geeignet.
"Ich
bin der Gunther." So beginnt der zweiwöchige Crashkurs für
"anatomische Darstellung". Von Präparation oder Sektion
redet er vorsichtshalber nicht, denn das dürfen auch in Brandenburg
nur offizielle medizinische Institute. Seinen Schülern erklärt er
den Unterschied so: "In der Uni wird der Körper hinterher
verbrannt, wir aber wollen ihn erhalten." Ein Tierpräparator
ist dabei, aber auch Verkäuferinnen und Kfz-Mechaniker. Ein paar
Krankenschwestern, Zahntechniker und eine Kosmetikerin scheinen
beinahe überqualifiziert. Doch auch sie waren arbeitslos oder wollen
nach Jahren im Westen wieder in der Heimat arbeiten. Für fast alle
ist es der erste Arbeitstag.
Nach
einer Stunde Theorie schlüpfen sie in grüne Kittel und blaue
Schürzen. Auf sechs Tischen warten sechs Leichen. "Wir sagen
Körper oder Body", erklärt von Hagens noch einmal, dann
markiert er mit blauer Kreide die Schnittmuster. Zaghaft setzen die
Azubis Skalpell und Pinzette an.
Anfangs
kratzen und schaben sie noch, bis unter gelben Fettschichten die
ersten Muskeln glänzen. Von Hagens ist begeistert und feuert sie an:
"Freuen Sie sich an der Vene, und schneiden Sie sie weg!"
Dann zeigt er ihnen die "stumpfe Methode", bei der die Haut
samt Fettschicht mit der flachen Hand abgeschält wird.
Mittags
gibt es Hacksteak mit Letscho.
Nur
eine Frau kommt am nächsten Tag nicht wieder, der Rest geht umso
forscher ans Werk. Auf einem Tisch taucht unter großem Hallo ein
Herzschrittmacher auf.
Eine
frühere Reiseleiterin schneidet aus Versehen einen Hoden ab, ein
gelernter Maurer bei einem anderen Spender zu viel vom Stirnlappen.
Von Hagens sieht darüber hinweg: "Hier sind absolute Laien am
Werk", sagt er, "aber Massaker wie in den Präparationssälen
der Unis gibt es nicht." Um Hartwig L. kümm ert sich der Chef
trotzdem lieber persönlich, legt walnussgroße Speicheldrüsen frei
und schließt daraus:
"Der
Mann hat gut gelebt." Auch die große Nase gefällt ihm und der
dicke Bauch.
In
China liegen noch ein paar frische Rentiere in Formalin. "Mal
sehen", sagt er und fürchtet doch schon, dass seine Frau
Angelina keinen Weihnachtsmann will. Ohne ihre Einwände hätte er
längst den Stall von Bethlehem gebaut, samt Ochs und Esel, Maria und
einem plastinierten Heiland in der Krippe. Dabei leuchten seine Augen
und lauern auf eine Reaktion. Will er provozieren, oder ist er irre?
Wieso muss es unbedingt die Heilige Familie sein? "Bald",
flüstert er dann plötzlich, sei auch sein "Paar beim sexuellen
Akt" so weit. Wahrscheinlich kann er nicht anders. Immerhin
schwankt er noch, ob es wirklich eine gute Idee ist, aus der Haut von
Hartwig L. einen roten Mantel zu machen.
Nebenbei
erklärt er seinen Schülern den Unterschied zwischen Aponeurosen und
runden Sehnen und fragt die Begriffe vom Vortag ab. Nach ihrem
Arbeitstag bis zum Ellenbogen in Bindegewebe büffeln abends alle
noch Anatomie. Manche wohnen vorerst in der Jugendherberge, weil ihre
Arbeitsverträge noch nicht unterschrieben sind. Erst nach dem Kurs
will Gunther festlegen, wer sich auf die komplizierte
Gesichtsmuskulatur spezialisieren darf oder eher für "Bauch,
Beine und Po" infrage kommt. "Die Grobiane", sagt er,
"werden woanders eingesetzt." Es gibt genug zu tun in
Guben. Insgesamt 20 Millionen Euro hat von Hagens hier nach eigenen
Angaben schon investiert.
Das
meiste Geld bringen zwar immer noch die Wanderausstellungen, aber er
arbeitet auch zunehmend lange Bestelllisten aus aller Welt ab. Bis zu
100 000 Euro nimmt er für ein Ganzkörperplastinat.
Scheiben
kosten - je nach Körperregion - zwischen 300 und 700 Euro, werden
aber meist im Satz bestellt. "Allein der Bedarf an Universitäten
reicht weit über den Tag, an dem ich selbst plastiniert werde",
sagt Gunther von Hagens. Vorerst schneidet er aber auch Enten und
Schweine in Scheiben. "Die können sich zum Beispiel Fleischer
ins Schaufenster hängen." Bis zu eine Million Scheiben will er
pro Jahr in Guben produzieren. Die Proteste hier sind weitgehend
verebbt. Nur der Brandenburger Bildungsminister verbietet nach wie
vor Schulausflüge ins Plastinarium.
Eine
Neuapostolische Kirchengemeinde feiert dagegen auf demselben Gelände
Gottesdienste, auf dem von Hagens Leichen lagert. Nebenan bietet
"Tom's Culinarium" einen Imbiss für Wochenendbesucher an.
Der "Plastinatorenteller" aus gemischten Bratenscheiben,
Würstchen und Spiegelei kostet 7,50 Euro.
Ist
das schwarzer Humor?
Der
Aufschwung Ost? Haben Leichen Würde? "Ich glaube nicht",
sagt von Hagens, "einen Achtungsanspruch ja, aber keine Würde."
Die Erinnerung an einen Verstorbenen und sein Körper seien zwei
verschiedene Dinge. "Deshalb spricht man ja auch von der Leiche
des Verstorbenen." Das sieht man selbst in China inzwischen
anders, wo von Hagens jetzt nur noch Tiere verarbeiten darf. Im
Sommer 2007 löst er deshalb große Teile seiner Produktion auf.
Schiffsladungen mit Leichen kehren nach Deutschland zurück. Auch
seine besten Präparatoren bringt Gunther mit.
Kein
Schachspieler, nicht mal nach China - Hartwig L. wäre sicher
enttäuscht.
Immerhin
schauen zum jährlichen Körperspendertreffen Ende 2007 mehr als 800
Leute zu, wie die chinesischen Experten seine Organe bearbeiten.
Ein
halbes Jahr später feuert von Hagens Sabine und Olaf und weitere
Monate darauf fast die Hälfte seiner Gubener Belegschaft.
Ihre
Ausbildung war doch schwieriger, als der Pellkartoffel-Test
versprach. Außerdem will er so die Arbeitsagentur unter Druck
setzen, die ihm eine Zeit lang keine Chinesen mehr genehmigt. Die
beiden Body- mobil- Fahrer aber fühlen sich vor allem "gemobbt",
seit sie ihre Körperspende zurückgezogen haben: "Wir haben zu
viel gesehen." Hartwig L. badet gerade bei minus 25 Grad in
Aceton, als Steuerfahnder die Fabrik stürmen. Sie suchen nach
scheinselbstständigen Polen, aber finden nur eine Giraffe in der
neuen "Großtier-Grube". Überall blubbert es aus
mysteriösen Behältern, in denen das Gewebe erst wochenlang
entwässert wird, bevor sich die letzten Fettanteile in warmen
Aceton-Bädern lösen.
Unter
Vakuum saugen sich die Zellen danach mit Silikon voll und härten
schließlich in Gasbehältern aus Folie aus. Ständig entwickelt von
Hagens seine Methoden weiter und jubelt im Sommer 2008, dass die
Scheiben kaum noch schrumpfen. "Sie sind viel farbenfroher und
halten länger." Ingrid W. hat gewissermaßen Glück, dass sie
erst im Sommer 2008 dran ist. Weil sein Produktionsleiter gerade eine
Ausstellung in Texas aufbaut, stellt sich von Hagens selbst an die
große Bandsäge. Vor Kurzem hat er extra ein Röntgengerät
angeschafft, weil künstliche Hüftgelenke und andere versteckte
Metallteile zu oft die Sägeblätter ruiniert haben. Er schneidet den
tiefgefrorenen Körper der Länge nach in vier Millimeter dicke
Scheiben, die später gefärbt und in Kunststoff gegossen werden.
Von
der "Faszination des Echten", mit der von Hagens wirbt,
sind bei fast allen Plastinaten am Ende nur noch etwa 30 Prozent
übrig, der Rest ist Silikon.
Im
Spätsommer 2008 wird der Ständer geschweißt, der die Muskeln und
Organe von Hartwig L. tragen soll. Von Hagens hat sich für eine
"expandierte Darstellung" entschieden, bei der die Körper
unnatürlich weit auseinandergezogen werden - und gegen den Mantel
aus Haut.
Das
Projekt läuft unter dem Arbeitstitel "Der Kutscher", was
auch Gunthers Frau beruhigt, bis er im Herbst bei Ebay einen
schwarzen Pferdeschlitten ersteigert. Er lässt die plastinierten
Rentiere anspannen.
Dann
knüpfen mehrere Mitarbeiter wie bei einem 3-D-Puzzle über 300
Einzelteile des "Kutschers" an mindestens doppelt so viele
Angelschnüre. Von Hagens persönlich nimmt die letzte
"Positionierung" vor. Noch einmal gibt es lange
Diskussionen, ob eine Weihnachtsmannmütze zu kitschig sei. Gunther
fügt sich, will aber auf einem der Rentiere unbedingt ein Kind
reiten lassen, das nur noch aus bröseligen Schaumgummi-Adern
besteht.
"Korrosion"
nennt er dieses Verfahren für "Gefäßgestalten", bei dem
Bakterien bis auf die plastinierten Blutgefäße alles Gewebe
wegfressen. Am Heck des Schlittens verstaut er Geschenke in
Plexiglaswürfeln, darunter ein plastiniertes Herz und ein paar
korrodierte Küken.
Im
Advent wird Hartwig L. in Guben der Öffentlichkeit übergeben. Es
ist nicht ganz Japan, aber immerhin fast Polen - und nur für ein
paar Wochen. Zum Jahresende schließt von Hagens seine Schauwerkstatt
in Guben. Er braucht die Exponate für eine neue Ausstellung in
Heidelberg. Mit etwas Glück wird das "Paar beim Akt" nicht
rechtzeitig fertig und Hartwig L. die Attraktion der "Körperwelten"
Nummer 5.
Das
Ensemble heißt nun "Winterreise".
Für
17 Euro können Besucher über seine große Prostata staunen, während
die früher gelähmte Hand entschlossen die Zügel strafft. Ganz in
der Nähe steht ein Milchglaskasten, der den Längsschnitt einer Frau
von innen beleuchtet. Sie hat ein riesiges Herz und einen mutigen
Sohn. Frank W. will seine Mutter auf jeden Fall mal besuchen.
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